Therapie

Bei der medikamentösen Behandlung handelt es sich um eine gut etablierte Therapieform, die mittlerweile einen hohen Stellenwert findet.

In der Regel werden retardierte Morphine, Buprenorphin, Levomethadon und Methadon verwendet.

Einnahme

Eine Opioidsucht ist eine schwere Erkrankung. Der Entschluss, aus der Abhängigkeit auszusteigen, ist daher nicht leicht – und sehr mutig! Professionelle Hilfe ist erforderlich, damit dieser Schritt auch gelingt.

Wie wird der Behandlungsablauf festgelegt?
Wenn Sie oder ein Bekannter, ein Freund oder ein Familienmitglied eine Therapie in Erwägung ziehen, sollten Sie bzw. der Betroffene sich an einen Arzt oder eine Suchtberatungsstelle wenden.

Der Arzt wird gemeinsam mit Ihnen eine Suchtbehandlung durchführen.

Dabei werden zunächst folgende Punkte abgeklärt:

  • Wie lange werden bereits Opioide konsumiert?
  • Werden zusätzliche andere Substanzen oder Alkohol konsumiert?
  • Wie sieht das soziale Umfeld (Familie, Freunde, Arbeitsplatz) aus?
  • Wurden bereits Suchttherapien durchgeführt? Sind Sie aktuell bereits anderweitig in Behandlung?

Mehr Infos zur Substitutionsmedizin

Was bedeuten psychosoziale Betreuungsmaßnahmen?
Neben der medikamentösen Substitutionstherapie werden zudem psychosoziale Betreuungsmaßnahmen besprochen. Diese kann eine Unterbringung in einer betreuten Wohneinrichtung bedeuten. Es können aber auch ambulante psychosoziale Unterstützungsangebote wie Begleitung in der aktuellen Lebenssituation, Anleitung zur Selbsthilfe etc. beschlossen werden.

Begleiterkrankungen abklären
Opioidabhängige Personen weisen oftmals weitere körperliche und psychische Erkrankungen auf. Diese werden durch eine Anamnese (Arzt-Patientengespräch) und eine körperliche Untersuchung inkl. Blutuntersuchung und Harntest abgeklärt. Durch die Blutuntersuchung soll insbesondere eine Hepatitis- oder HIV-Infektion festgestellt bzw. ausgeschlossen werden. Die Harnuntersuchung dient zum Nachweis eines regelmäßigen Opiatkonsums sowie zur Feststellung anderer kürzlich konsumierte Substanzen.

Bestehen körperliche oder psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen, wird eine entsprechende Behandlung eingeleitet.

Mehr zu Begleiterkrankungen

Wichtiger Hinweis:
Bei weiblichen abhängigen Personen muss eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt werden. Insbesondere werden frühere Geburten, Fehlgeburten, Schwangerschaftsabbrüche etc. abgeklärt. Die Frage der Schwangerschaftsverhütung muss ebenfalls vor Beginn einer Substitutionstherapie besprochen werden!

Behandlungsvertrag abschließen
In Folge schließen die abhängige Person und der behandelnde Arzt einen schriftlichen Behandlungsvertrag ab. Dieser beinhaltet unter anderem die Bedingungen der Medikamentenvergabe.

Wie erfolgt die Einnahme des Substitutionsmittels?1
Bei Ausstellung der Substitutionsverschreibung legen die behandelnden Ärzte mit dem Patienten einen Abgabemodus fest. Dieser regelt die tägliche kontrollierte Einnahme des Substitutionsmedikaments unter Sicht in der Apotheke, Ordination, Krankenanstalt oder in der den Patienten betreuenden Drogenhilfeeinrichtung. Dies nennt man „Sichtbezug“. Ausnahmen von der täglichen kontrollierten Einnahme sind nur an Wochenenden und Feiertagen zulässig. Dabei dürfen dem Patienten nicht mehr als eine Tagesdosis für den Sonntag bzw. eine Tagesdosis pro Feiertag mitgegeben werden.

Wie lange der Sichtbezug notwendig ist, entscheidet der Arzt. Danach kann das Substitutionsmedikament dem Patienten mitgegeben werden.

Wie wird die Dosierung des Substitutionsmedikaments festgelegt?
Die Dosierung soll so gewählt werden, dass weder Entzugserscheinungen auftreten noch eine zu starke Sedierung („Betäubung“) entsteht.

Ob ein Präparat gut oder weniger gut vertragen wird, stellt sich zumeist nach ca. 2 Tagen heraus. Nach ca. einer Woche zeigt sich, ob die Höhe der Dosierung angepasst werden sollte.

Wichtiger Hinweis:
Der Wahl des passenden Arzneimittels und der richtigen Dosierung kommt große Bedeutung zu, damit die Behandlung gelingt! Besprechen Sie auftretende unerwünschte Wirkungen deshalb ausführlich mit dem behandelnden Arzt!

 

1Suchtgiftverordnung §23e (2) Z 2 SV

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Begleiterkrankungen

Opioidabhängigkeit ist eine chronische Erkrankung, die mit einer hohen Sterblichkeit verbunden ist. Viele Drogengebraucher leiden neben ihrer Suchterkrankung an weiteren körperlichen und psychischen Begleiterkrankungen sowie an Problemen im sozialen und familiären Bereich.

Was sind „Begleiterkrankungen“?
Begleiterkrankung, Mediziner sprechen von „Komorbidität“ oder „Doppeldiagnose“, wurde 1995 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als das gleichzeitige Auftreten von Störungen durch den Gebrauch von psychoaktiven Substanzen und einer anderen psychiatrischen Störung definiert. „Störung“ wird im psychiatrischen Kontext als Begriff für Erkrankung verwendet.

Komorbidität oder Doppeldiagnose bedeutet also, dass bei Personen, die an einem Alkohol- oder Drogenproblem leiden, noch eine weitere Diagnose gestellt wird, im Allgemeinen eine psychiatrische.

Wichtig: Bei Drogengebrauchern sind die Begleiterkrankungen zumeist nicht substanzbedingt, sondern beispielsweise Folge von psychischen Erkrankungen und Problemen, die bereits vor dem Drogenkonsum bestanden.1

Welche psychischen Erkrankungen stehen in Zusammenhang mit Drogenkonsum?
Bei komorbiden Drogengebrauchern, also Drogengebrauchern, die neben der Suchterkrankung zusätzlich eine oder mehrere psychiatrische Erkrankungen aufweisen, dominiert entweder die psychiatrische Erkrankung oder die Drogenabhängigkeit.

Das bedeutet:

  • In psychiatrischer Behandlung befindliche komorbide Drogengebraucher haben neben ihrer psychiatrischen Erkrankung eine Substanzabhängigkeit oder
  • Substanzabhängige Personen leiden zudem an einer oder mehreren psychiatrischen Erkrankung. Dazu gehören Persönlichkeitsstörungen (insbesondere antisoziale PersönlichkeitsstörungEine antisoziale (oder dissoziale) Persönlichkeitsstörung ist durch ständige Missachtung soziale Normen gekennzeichnet. Der Betroffene versucht rigoros und rücksichtslos,  seine eigenen Ziele durchzusetzen. und Borderline-StörungEine Borderline-Persönlichkeitsstörung ist durch Impulsivität und Instabilität in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen, Stimmung und Selbstbild gekennzeichnet. Bestimmte Vorgänge in den Bereichen Fühlen, Denken und Handeln sind beeinträchtigt. Die Folge sind problematische und teilweise paradox wirkende Verhaltensweisen sich selbst und anderen gegenüber.), DepressionEine Depression ist durch gedrückte Stimmung, Freud- und Interesselosigkeit sowie Antriebslosigkeit gekennzeichnet.bipolare ErkrankungBei der Bipolaren Erkrankung – auch als „manisch-depressiv“ bezeichnet – wechseln depressive Phasen mit manischen (euphorischen) Phasen ab. Dazwischen können symptomfreie Phasen liegen., Angstzustände und – in geringerem Ausmaß – psychotische StörungBei einer psychotischen Störung nehmen die Betroffenen die Realität verändert wahr. Es können Halluzinationen oder Wahnvorstellungen, schwerwiegende Denk- und Sprachstörungen sowie Gefühlsstörungen wie z.B. starke Ängste auftreten.
    .

Beide Patientengruppen sind häufig über einen längeren Zeitraum auf eine kombinierte, allerdings unterschiedliche medikamentöse und psychotherapeutische/psychosoziale Behandlung angewiesen.2

Sind psychische Erkrankungen häufig bei Drogengebrauchern?
Ja. Oft werden die Probleme von Suchterkrankten allein auf ihren Drogenkonsum zurückgeführt. Jedoch leiden 80% von diagnostizierten Suchtkranken zusätzlich unter psychischen Störungen, die häufig nicht erkannt werden. Etwa 50% der komorbiden Patienten haben einen Suizidversuch hinter sich. Auslöser sind oftmals Probleme im familiären, schulischen und sozialen Bereich. Weibliche Drogenkonsumentinnen mit psychiatrischer Komorbidität waren häufig während ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer von sexuellem Missbrauch.2

Haben die komorbiden Erkrankungen Einfluss auf den Therapieverlauf?
Suchterkrankte mit komorbiden psychischen Störungen, die sich in einer Substitutionstherapie befinden, haben häufig Schwierigkeiten, ihre Therapieziele zu erreichen. Dies liegt unter anderem daran, dass Suchterkrankte mit psychischen Störungen oftmals zusätzlich weitere psychoaktive Substanzen konsumieren. Daher erleiden sie häufiger schwerwiegende Vergiftungen (Intoxikationen) und brechen die Therapie häufiger ab als Substitutionspatienten ohne zusätzliche psychische Störungen.3

Fazit: Dieses komplexe Erkrankungsbild – gleichzeitiges Auftreten von Drogenkonsum und psychiatrischen Erkrankungen – erfordert eine entsprechende Behandlungsvielfalt sowohl im therapeutischen als auch pharmakologischen (medikamentösen) Sinne.

Welche körperlichen Begleiterkrankungen treten auf?
Für Drogengebraucher besteht eine erhöhte Gefahr der Ansteckung mit Infektionskrankheiten durch die gemeinsame Nutzung von Spritzbesteck sowie durch ungeschützten Geschlechtsverkehr.

Daher sind HIV-InfektionenDas HI-Virus (HIV = humanes Immundefizienz-Virus) kann durch den Austausch verschiedener Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma, Vaginalsekret oder Muttermilch übertragen werden.
Die Infektion mit dem HI-Virus löst eine Immunsystemerkrankung aus. Direkt nach der Ansteckung treten meist keine Symptome auf. Nach einer mehrwöchigen Inkubationszeit (=Zeitraum zwischen der Infektion und dem Auftreten erster Symptome) entwickeln die Infizierten oft Grippe-ähnliche Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen, Rachenentzündungen sowie Hautausschläge. Das HI-Virus schädigt und zerstört Immunzellen. Das Immunsystem wird über Jahre hinweg zunehmend geschwächt, wodurch die Anfälligkeit für Krankheiten steigt. Vor allem ohne eine entsprechende antivirale Behandlung erkranken die Betroffenen häufig an Tuberkulose, Kryptokokken-Meningitis und Krebs.
AIDS (aquired immunodeficiency syndrom = erworbenes Immundefektsyndrom) bezeichnet schließlich das am weitesten fortgeschrittene Stadium der HIV-Erkrankung, das durch das Auftreten von lebensbedrohlichen Infektionen und Tumoren definiert ist.6,7
Wichtiger Hinweis: Ungeschützter Geschlechtsverkehr sowie die gemeinsame Nutzung von kontaminierten Nadeln, Spritzen und anderem Injektionsbesteck bei intravenösem Drogenkonsum erhöhen das Risiko einer HIV-Infektion. Bluttransfusionen sowie Nadelstichverletzungen bergen ebenso ein gewisses Risiko
und verschiedene Arten von Hepatitis BAuch Hepatitis B ist eine Lebererkrankung mit akutem und chronischem Verlauf. Allerdings wird das Heptatitis-B-Virus (HBV) nicht nur über das Blut übertragen, sondern auch andere Körperflüssigkeiten wie Speichel, Sperma oder Scheidensekret sind infektiös.
Mögliche Symptome während der akuten Erkrankungsphase sind Müdigkeit, Appetitverlust, Beschwerden im Bauchbereich, Übelkeit, Erbrechen und Fieber. Häufig aber verlaufen Hepatitis-B-Infektion in dieser Phase asymptomatisch (= ohne Beschwerden) und der Großteil der Erkrankten wird innerhalb von 4-12 Wochen wieder gesund. Der Übergang zu einer chronischen Erkrankung findet weitaus seltener statt als bei einer Hepatitis-C-Infektion und eine medikamentöse Behandlung ist nur bei schweren Erkrankungsfällen sinnvoll.
Wichtiger Hinweis: Es gibt eine Impfung, die einen zuverlässigen Schutz vor dem Hepatitis-B-Virus bietet.
und Hepatitis CHepatitis C bezeichnet eine Entzündung der Leber, ausgelöst durch das Hepatitis-C-Virus (HCV). Die akute Infektion verläuft häufig asymptomatisch, d.h. es treten keine Beschwerden auf. Es können aber auch Symptome wie Müdigkeit, Übelkeit, Beschwerden im Bauchbereich und Gelbsucht (Gelbfärbung der Haut und Lederhäute der Augen) auftreten. Dauert die Infektion länger als sechs Monate, spricht man von einer chronischen Erkrankung, die in 15-30% der Fälle in einer Leberzirrhose oder in Leberkrebs mündet.
Übertragen wird das Hepatitis-C-Virus über infiziertes Blut, meist aufgrund von wiederverwendetem oder nicht-sterilem medizinischen Equipment oder durch Transfusion von ungetestetem Blut oder Blutprodukten. Aufgrund der oft asymptomatisch (= ohne Beschwerden) verlaufenden akuten Phase wird Hepatitis C bei vielen Infizierten erst spät diagnostiziert. Dabei ist eine frühe Diagnose wichtig, um die Infektion medikamentös behandeln zu können und eine Weiterübertragung des Virus zu verhindern, vor allem da es keine Schutzimpfung gegen das Hepatitis-C-Virus gibt.
Behandlungsmöglichkeiten: Seit wenigen Jahren stehen zur Therapie von Hepatitis C neue Medikamente zur Verfügung, so genannte DAAs: directly acting antivirals. Dabei kommen unterschiedliche Wirkstoffe, teilweise miteinander kombiniert, zum Einsatz. Diese hemmen auf unterschiedliche Weise die Vermehrung des Hepatitis-C-Virus. Hepatitis C ist durch diese Medikamente in rund 90% der Fälle heilbar.
Wichtiger Hinweis: Vor allem das gemeinsame Nutzen von Injektionsbesteck beim injizierenden Drogenkonsum birgt eine große Gefahr, sich mit dem Hepatitis C-Virus zu infizieren
unter komorbiden Drogengebrauchern weit verbreitet.

Der injizierende Drogenkonsum stellt zudem in Hinblick auf Infektionskrankheiten wie TetanusTetanus (Wundstarrkrampf)  ist eine häufig tödlich verlaufende Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Clostridium tetani ausgelöst wird. Die Sporen des Bakteriums kommen nahezu überall vor (z.B. Straßenstaub oder Gartenerde). Dringen die Sporen in Wunden ein, führt dies zur Infektion, welche die muskelsteuernden Nervenzellen befällt. und BotulismusBotulismus ist eine Vergiftung, die durch das Bakterium Clostridium botulinum verursacht wird. Dieses kann in  kontaminierten (= „verunreinigte“) Nahrungsmittel vorkommen. Anzeichen: Aufblähungen bei Konserven und anderen verpackten Lebensmitteln. einen Risikofaktor dar.4 Dies kann massive Langzeitfolgen für den Betroffenen sowie hohe Folgekosten für den Staat bedeuten.

Aber auch bakterielle Infektionen an den Einstichstellen und Weichgewebeinfektionen sind bekannte Komplikationen bei injizierendem Konsum.

Ein weiteres Problem stellt die schlechte Zahngesundheit dar.2

Maßnahmen gegen drogenbedingte Infektionskrankheiten
Um die Verbreitung drogenbedingter Infektionskrankheiten unter injizierenden Drogenkonsumenten einzudämmen, werden EU-weit folgende gezielte Maßnahmen zur Schadensminimierung ergriffen:4

  • Opioidgestützte Substitutionsbehandlung
  • Ausgabe von Spritzbesteck
  • Tests (verschiedene Angebote kostenloser HIV- und Hepatitis-Tests etc.)
  • Hepatitis-C-Therapie
  • Antiretrovirale HIV-Therapie

Wichtiger Hinweis: Mit einer Substitutionsbehandlung sinkt das Infektionsrisiko bei injizierenden Opioidkonsumenten deutlich. Da Nadel- und Spritzenaustauschprogramme das Risikoverhalten im Zusammenhang mit injizierendem Konsum eindämmen können, steigern beide Maßnahmen zusammen die schützende Wirkung zusätzlich.4

Zahlen zu Hepatitis C und HIV

  • In Österreich leiden ungefähr 60% der Substitutionspatienten mit intravenösem Konsum (= Konsum über die Vene) an einer chronischen Hepatitis C.
  • Österreich hat mit nur ca. 5.000 Patienten die niedrigste HIV-Prävalenz innerhalb der EU.5 Von allen in Europa gemeldeten HIV-Fällen, für die der Übertragungsweg bekannt ist, ist ein gleichbleibend geringer Anteil (etwa 8%) auf den injizierenden Drogenkonsum zurückzuführen. Die aktuellsten Daten bestätigen den seit langem beobachteten Rückgang der HIV-Neudiagnosen unter injizierenden Drogenkonsumenten in der EU.5

1Madlung-Kratzer E. Was ist, was kann die Opioidsubstitutionsbehandlung? JATROS Neurologie & Psychiatrie 1/2016: 44-46.
2Mats Fridell, Margareta Nilson. Drogen im Blickpunkt. Komorbidität – Drogenkonsum und psychische Störungen. Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, 2004.
3Scherbaum. Komorbiditäten bei Opioidabhängigen. Suchtmed, 2013, 15: 188-9.
4Moser Laura, Fischer Gabriele. Management von Suchtkranken in der Ordination. Arzt & Praxis, 2014, 68: 166-8.
5Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. Europäischer Drogenbericht. Trends und Entwicklungen 2016. Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, 2016.
6http://www.who.int/mediacentre/factsheets/en (Zugriff am 21.11.2016)
7http://ecdc.europa.eu/EN/HEALTHTOPICS/Pages/AZIndex.aspx (Zugriff am 21.11.2016)

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Sicherheit

Die medikamentöse Substitutionstherapie ist eine sehr sichere Therapie. Über eventuelle Nebenwirkungen der verschiedenen Substitutionsmedikamente wird Ihr behandelnder Arzt Sie informieren.

Folgendes sollten Sie jedoch auch während einer Substitutionstherapie beachten:
Beikonsum, also der zusätzliche Konsum psychotroperAls psychotrop oder auch psychoaktiv werden Substanzen bezeichnet, die Veränderungen der Psyche und des Bewusstseins eines Menschen herbeiführen. Eine solche Beeinflussung kann als eine Art Anregung, Entspannung oder angenehme Stimmungsveränderung erlebt werden. Der Bewusstseinszustand kann aber auch so intensiv beeinträchtigt werden, dass es zu Krampfanfällen, Bewusstseinsstörungen und schlimmstenfalls zum Koma kommen kann. Substanzen, kann auch während der Substitutionstherapie auftreten. Denn es ist schwer, die Suchtmuster aufzugeben. Doch Beikonsum kann gefährlich, sogar lebensbedrohlich sein, da Wechselwirkungen mit den Substitutionsmedikamenten möglich sind. Sie sollten Beikonsum daher immer Ihrem behandelnden Arzt mitteilen!

Auch die missbräuchliche intravenöse Verabreichung von oralen talkumhaltigen Substitutionsmitteln kann lebensbedrohlich werden! Mehr Infos dazu lesen Sie hier

Beikonsum

Was ist Beikonsum?
Als Beikonsum wird in Zusammenhang mit Suchterkrankungen der zusätzliche Konsum anderer psychotroper Substanzen, insbesondere von BenzodiazepinenBenzodiazepine: pharmazeutische Wirkstoffe mit angstlösenden, krampflösenden, beruhigenden und schlaffördernden Eigenschaften, Alkohol, Kokain, Antidepressiva sowie weiteren illegalen Drogen bezeichnet.

Was sind die möglichen Folgen?
Beikonsum hat oftmals negative Folgen für den Betroffenen bzw. die Angehörigen. Unter anderem stellt Beikonsum eines der größten Risiken für tödliche Überdosierungen dar!

Es kann zu einer sogenannten Polytoxikomanie kommen. Darunter versteht man psychische Störungen bzw. Verhaltensstörungen, die durch gleichzeitigen Konsum mehrerer psychotroper Substanzen entstehen. Polytoxikomanie wird genau definiert als „gleichzeitiger Einnahme von zwei oder mehr psychotropen (bewusstseinsverändernden und abhängigkeitserzeugenden) Substanzen über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten“.

Ist Beikonsum häufig?
Beikonsum ist generell eine häufige Erscheinung bei Opioidgebrauchern, sowohl in als auch außerhalb von Substitutionsprogrammen.

Gerade während der Anfangsphase einer Substitutionstherapie weisen viele Drogengebraucher Beikonsum auf, da es ihnen nicht gelingt, das bisherige Konsummuster sofort aufzugeben. Während der Therapie kann zudem die Motivation der Patienten phasenweise schwanken, insbesondere bei erneutem Kontakt mit der Drogenszene.1

Werden psychiatrische Begleiterkrankung, so genannte Komorbiditäten, nicht entsprechend behandelt, kann dies ebenfalls zum eigenmächtigen Gebrauch von Substanzen führen (z.B. Benzodiazepine bei Depression oder starken Angstgefühlen).2

Einen weiteren Grund für Beikonsum kann eine unzureichende Substitutionsmedikation darstellen.3 Daher ist ein offenes Gespräch mit dem behandelnden Arzt wichtig, damit dieser die Dosierung der Substitutionsmedikamente eventuell anpassen kann.

Wieso führt Beikonsum häufig zu Überdosierungen?
Die Überdosierungen beruhen auf Interaktionen (Wechselwirkungen) der verschiedenen Substanzen. So führen beispielsweise Benzodiazepine und andere zentral dämpfende Wirkstoffe (u.a. auch Alkohol) zu einer verstärkten zentralen Dämpfung, insbesondere Atemdepression (Abflachung bzw. Herabsetzung der Atmung) und Sedierung.4

Achtung: Dies führt zu einer eingeschränkten Fahrtüchtigkeit!

Folgende Interaktionen bei Substitutionstherapie können auftreten:

  • Alkoholische Getränke, aber auch alkoholhaltige Arzneimittel können die Wirkeffekte der Arzneimittel zur Behandlung der Opiatabhängigkeit verstärken und zu einer Atemdepression führen.
  • Je nach Dosis und Arzneimittel-Wechselwirkung kann die Kombination mit Tranquilizern, Anästhetika, Hypnotika, Sedativa (z.B. Phenothiazin, Muskelrelaxantien, Gabapentin) oder zentral wirksamen Antihypertensiva zu einer gegenseitigen Wirkungsverstärkung führen. Dies kann eine Atemdepression, Hypotonie (niedriger Blutdruck), starke Sedierung oder Koma zur Folge haben.
  • Die Kombination mit Benzodiazepinen verstärkt ebenfalls die zentrale Atemdepression mit dem Risiko eines Atemstillstandes.

Talkumproblematik

Welche Folgen hat die missbräuchliche intravenöse Verabreichung von oralen talkumhaltigen Substitutionsmitteln?
Es ist bekannt, dass Drogengebraucher orale Arzneimittel, die Opioide, Benzodiazepine oder andere psychotrope Substanzen beinhalten, auch missbräuchlich intravenös konsumieren. Dies ist gefährlich! Denn solche Tabletten und Kapseln können als Hilfsstoffe u.a. Maisstärke, Talkum und mikrokristalline Zellulose enthalten. Bei oraler Einnahme (also beim Schlucken) haben diese Hilfsstoffe keinerlei schädigende Wirkungen auf den menschlichen Körper und dienen als Gerüst-, Gleit- und Bindemittel.

Bei missbräuchlicher intravenöser Verabreichung, also wenn die Tabletten bzw. Kapseln aufgelöst und gespritzt werden, entstehen jedoch große Gesundheitsrisiken!

Dies gilt vor allem für Talkum (Magnesiumsilikat, „Speckstein“), da dieses praktisch unlöslich in Wasser, Ethanol 96%, verdünnten Säuren und Laugen und organischen Lösungsmitteln ist.

Gelangen Talkumpartikel in die Blutgefäße muss man sich vor Augen halten: Ein Viertel der Talkumpartikel in pharmazeutischen Zubereitungen weist einen Durchmesser größer als 10 Mikrometer (µm =ein Millionstel Meter), fast die Hälfte der Talkum-Partikel sind immer noch größer als 5 µm. Blutgefäße haben jedoch nur einen Durchmesser von ca. 5-10 µm. D.h. die Talkumpartikel sind teilweise größer als die Blutgefäße! Daher können die Talkumpartikel die Blutgefäße verletzen, was ernstzunehmende gesundheitliche Konsequenzen hat!

Mit Zigarettenfiltern kann man zwar relativ klare Lösungen erzeugen, aber der Eindruck täuscht: Das Talkum ist so fein, dass man Talkumpartikel nach der Filtration nicht sehen kann.

Welche Schäden entstehen durch solche Talkumpartikel?
Das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen hat eine Literaturrecherche zu den Gesundheitsgefahren durch intravenöses Zuführen von Talkum erhoben (Weigl, 2004). Demnach besteht ein Zusammenhang zwischen intravenösem Konsum von Tabletten und Kapseln und meist irreversiblen (d.h. bleibenden) Schäden vor allem der Lunge („Lungentalkose“, eine durch Talkumpartikel ausgelöste „Staublunge“), aber auch von anderen Organen. Die Lungentalkose (Schädigungen der Lunge durch Talkumpartikel) tritt übrigens auch bei der Inhalation von Talkumstäuben auf (z.B. „Sniffing“!) ein.

Die Talkumpartikel können in den Lungengefäßen hängen bleiben und dort zu einer Thrombose (Gefäßverschluss) sowie zur Bildung von knötchenartigen Gewebeneubildungen im Blutgefäß (intravaskuläre Granulomen) führen. Auch Verletzungen in Milz, Leber, Lymphknoten und Knochenmark sind möglich. Es kann auch zu Gewebezerstörungen an Unterschenkeln und Unterarmen kommen.

Die Schäden, die Talkum-Injektionen in Arterien und Venen anrichten können, sind vielfältig und können lebensbedrohliche Ausmaße annehmen!

Wichtiger Hinweis: Lassen Sie sich von Ihrem Arzt beraten.

1 Bayerische Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen. Leitfaden für Ärzte zur substitutionsgestützten Behandlung Opiatabhängiger. 2. vollständig überarbeitete Auflage, Juni 2010.
Dr. H. Haltmayer et al. Konsensus-Statement „Substitutionsgestützte Behandlung Opioidabhängiger“. Suchtmed 11 (6) 281-297 (2009).
3 http://www.substituieren.at/substanzen.html (Zugriff am 23.11.2016)
Fachinformationen Compensan® retard (Stand: 11/2016), Bupensan® (Stand: 03/2015), Methasan® (Stand: 02/2016), Levo-Methasan® (Stand: 02/2016)

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